Mehr Verbrenner, weniger China: Merz und Macron einigen sich auf einen neuen EU-Autopakt, während Top-Investoren beim Deutschland-Gipfel über den Standort streiten.
Das Verbrenner-Aus ab 2035 galt in Brüssel lange als politisch gesetzt. Jetzt kommt Bewegung in die Debatte: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben sich im Grundsatz auf eine weitreichende Reform der europäischen Automobilpolitik verständigt. Auf Drängen von Merz soll das Verbrenner-Aus noch stärker aufgeweicht werden, als es die EU-Kommission bislang vorgesehen hatte.
Merz und Macron einigen sich auf neuen Kurs für das Verbrenner-Aus
Die Grundidee des Pakts lässt sich in einem Satz zusammenfassen: mehr Verbrenner, weniger China. Konkret bedeutet das mehr Spielraum für Verbrennungsmotoren in der EU-Flottenregulierung und zugleich ein klareres Signal gegen eine wachsende Abhängigkeit der europäischen Autoindustrie von chinesischen Herstellern und Zulieferern. Beide Regierungschefs haben sich bislang nur im Grundsatz verständigt; die konkrete Ausgestaltung muss auf europäischer Ebene noch verhandelt werden. Für Zulieferer bedeutet das zunächst vor allem eines: mehr Planungssicherheit für bestehende Verbrenner-Modelle, während der Umbau der Lieferketten weg von kritischen Komponenten aus China parallel weiterläuft.
„Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“
Wie der Pakt wirtschaftlich einzuordnen ist, erklärt Gregor Williams, China- und Industrie-Experte bei der Beratungsgesellschaft Rhodium, im Handelsblatt Today-Podcast. Für ihn ist es „zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“. Mehr Verbrennungsmotoren bedeuten aus Sicht des Klimaziels einen Schritt zurück, weniger Abhängigkeit von chinesischen Herstellern einen Schritt nach vorn für die strategische Unabhängigkeit Europas. Diese Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Rückschritt dürfte die politische Debatte um den Pakt in den kommenden Monaten prägen.
Was braucht Deutschland, um mehr Investoren anzuziehen?
Im zweiten Teil der Episode wechselt der Blick von Brüssel nach Berlin. Nicole Bastian, Ressortleiterin für Podcast, Live & Video beim Handelsblatt, hat auf dem Deutschland-Gipfel mit führenden Köpfen aus Wirtschaft und Wissenschaft genau diese Frage diskutiert. Die Antworten fielen unterschiedlich aus, liefen aber auf einen gemeinsamen Nenner hinaus: Verlässlichkeit.
Dorothee Blessing, Co-Chefin des Investmentbankings von JP Morgan, bringt es so auf den Punkt:
Es braucht Rahmenbedingungen, es braucht Projekte, die investierbar sind.
Gute Substanz, schlechte Stimmung
Philipp Freise, Co-Leiter des Private-Equity-Geschäfts von KKR in Europa, sieht die wirtschaftliche Substanz in Deutschland grundsätzlich positiv. Die schlechte Stimmung der vergangenen Jahre schrecke internationale Investoren seiner Einschätzung nach aber noch immer ab – ein Auseinanderlaufen von Fundamentaldaten und Wahrnehmung, das sich nur schwer allein mit Zahlen korrigieren lässt.
Es fehlt der Wille zur Veränderung
Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr teilt den Blick auf die Substanz, verortet das eigentliche Problem aber woanders: Es fehle am Willen, diese Substanz tatsächlich zu verändern – auch durch das, was Ökonomen „schöpferische Zerstörung“ nennen, also den Abbau alter, nicht mehr wettbewerbsfähiger Strukturen, um Raum für Neues zu schaffen. Wer als Unternehmen nicht nur verwalten, sondern wirklich Marktführer statt Mittelmaß werden will, braucht genau diesen Mut.
Absicherung hängt an der Betriebszugehörigkeit
Einen weiteren Punkt bringt Nicola Fuchs-Schündeln ein, Ökonomin und Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie kritisiert, dass Absicherung in Deutschland stark an die Länge der Betriebszugehörigkeit geknüpft ist – ein Mechanismus, der aus ihrer Sicht Wechsel und Neugründungen eher bremst als fördert.
Was bedeutet das für den deutschen Mittelstand?
Für mittelständische Unternehmen und Gründerinnen und Gründer sind beide Themen der Episode keine abstrakte Politik, sondern unmittelbare Praxis. Ein aufgeweichtes Verbrenner-Aus verschafft Zulieferern mehr Zeit für die Umstellung, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, sich strategisch neu auszurichten. Wie stark europäische Regulierung Industrieprojekte ausbremsen oder beschleunigen kann, zeigt sich nicht nur in der Autoindustrie, sondern etwa auch bei einem Wasserstoffprojekt in Deutschland, das mit denselben EU-Regulierungsfragen kämpft. Gerade für kleinere Zulieferbetriebe, die nicht über die Verhandlungsmacht der großen Konzerne verfügen, entscheidet diese Übergangszeit darüber, ob sich Investitionen in neue Antriebstechnologien noch rechnen.
Auch die Debatte über den fehlenden Veränderungswillen trifft den Mittelstand direkt. Wer Entscheidungen heute robuster treffen will, kann sich dabei zunehmend auf KI-gestützte Strategiewerkzeuge für Aufsichtsgremien und Geschäftsführung stützen, um Szenarien schneller durchzuspielen, statt auf die nächste politische Einigung zu warten. Und wer als Unternehmerin oder Unternehmer durch wechselnde politische Rahmenbedingungen navigiert, braucht neben Strategie auch mentale Resilienz, um in unsicheren Zeiten handlungsfähig zu bleiben.
Drei Lehren aus dem Autopakt und der Investorendebatte
Drei Dinge lassen sich aus dieser Episode mitnehmen. Erstens: Das Verbrenner-Aus ist politisch wieder verhandelbar, doch die Richtung – weniger Abhängigkeit von China, mehr industrielle Eigenständigkeit – bleibt bestehen. Zweitens: Deutschland hat laut mehreren Stimmen aus Wirtschaft und Wissenschaft wirtschaftliche Substanz, aber es fehlt am Mut, bestehende Strukturen aufzubrechen. Drittens: Rahmenbedingungen entscheiden am Ende mehr als Symbolpolitik – Investoren wie Unternehmer suchen vor allem Projekte und Regeln, auf die sie sich verlassen können.
Für Unternehmerinnen und Unternehmer heißt das: Wer jetzt auf verlässliche Prozesse, eine klare Strategie und den Mut zur Veränderung setzt, ist besser aufgestellt als jene, die auf die nächste politische Kurskorrektur warten.

Quellen
- Mehr Verbrenner, weniger China: Merz und Macron besiegeln Autopakt – Handelsblatt Today — Podcast-Episode des Handelsblatt, veröffentlicht am 16.10.2026, moderiert von Aileen Bunte, produziert von Christian Heinemann
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