Brennende Schulen, geplünderte Läden und Ausgangssperren sind kein Protest, sondern Zerstörung, deren Rechnung Schüler, Polizisten und Unternehmen bezahlen – vom Laden an der Ecke bis zu den großen Handelsketten. Frankreich muss seinen öffentlichen Sektor reformieren – mit Hilfe künstlicher Intelligenz und mit Mut.
Die romantischen Straßen von Paris, die viele als Stadt der Cafés, Buchhandlungen und Abendspaziergänge in Erinnerung haben, glichen in diesem Herbst einem Schlachtfeld. Schulen wurden angezündet und geplündert, Schaufenster eingeschlagen und Autos in Brand gesetzt, rund 760 Polizisten wurden verletzt. Nach Angaben des französischen Justizministeriums waren bis zum 9. Oktober 6.877 Festnahmen zusammengekommen, 86 Prozent davon betrafen Minderjährige. Das lässt sich nicht mehr als Kundgebung bezeichnen. Eine Schule anzuzünden repariert kein einziges Klassenzimmer, sondern nimmt genau jenen Jugendlichen den Unterricht, in deren Namen auf der Straße randaliert wird. Gewalt und Zerstörung sind klar zu verurteilen, ohne jedes Aber.
Die Bewegung begann Mitte September an Schulen in den Pariser Vororten, und ihre ursprünglichen Forderungen waren handfest: kleinere Klassen, Gebäude in ordentlichem Zustand und eine Lehrkraft, die auch tatsächlich da ist. Das hätte sich friedlich vortragen lassen, und viele taten das auch. Anfang Oktober eskalierte die Lage jedoch. Am 8. Oktober kletterten Studenten auf die Säule am Place de la Bastille, und der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon erklärte die Bastille für zurückerobert. Revolutionsromantik ist gefährlicher Brennstoff, wenn Minderjährige auf der Straße stehen. Gut zwanzig Fälle von Polizeigewalt werden untersucht, in einem davon verlor ein 15-Jähriger eine Hand. Sie müssen gründlich aufgeklärt werden, denn ein Rechtsstaat misst sich auch daran, wie er seine eigene Gewaltanwendung kontrolliert. An der Grundsatzfrage ändert das nichts: Die Ordnung muss wiederhergestellt werden.
Die Bewegung hat auf Belgien und Italien übergegriffen, und am 17. Oktober wurde auf Frankreichs Straßen auch gegen Lebenshaltungskosten und Spritpreise demonstriert, was an die Zeit der Gelbwesten erinnerte. Am Wochenende des 18. und 19. Oktober verhängten mehrere Städte Ausgangssperren. An dieser Stelle geht die Rechnung an Unternehmen, die die Lage nicht verursacht haben. Wird ein Viertel für den Abend abgeriegelt, verliert das Café seinen Abendumsatz, das Restaurant wirft seine Ware weg, der Laden an der Ecke zählt eine leere Kasse, und der Friseursalon sagt seine Termine ab. Miete, Löhne und Kreditraten lassen sich nicht verschieben. Dasselbe gilt für die Großen: Handelsketten und Warenhäuser schließen ihre Filialen früher, vernageln ihre Schaufenster, stellen zusätzliches Wachpersonal ein und bringen ihre Beschäftigten in Sicherheit, während der Abendumsatz der Einkaufszentren komplett wegbricht. Plünderungen und Vandalismus werden sich bald in den Versicherungsprämien des gesamten Handels niederschlagen. Unweigerlich fühlt man sich an die Corona-Beschränkungen erinnert, als Unternehmen einen unverhältnismäßig großen Teil der Kosten des gesellschaftlichen Stillstands trugen – kleine oft bis zur Insolvenz, große Ketten mit Kurzarbeit und geschlossenen Filialen – und viele Betriebe nie wieder auf die Beine kamen. Jetzt wiederholt sich das ohne Virus: Das Geschäft steht still, weil die Straßen nicht sicher sind. Deshalb ist ein eigenes finanzielles Polster auch in Europas stabilsten Ländern die erste Versicherung eines Unternehmers.
Die schwierigste Frage ist zugleich die einfachste: Was haben diese Unternehmen falsch gemacht? Videos von den Straßen zeigen Jugendliche, die die Scheiben kleiner Modegeschäfte ebenso einschlagen wie die von Kettenfilialen und Waren aus den Regalen tragen. Ein über Jahre aufgebautes Geschäft verliert an einem einzigen Abend sein Schaufenster, sein Lager und mindestens den Betrag der Selbstbeteiligung, und das verlorene Vertrauen in die Sicherheit des Viertels ersetzt keine Versicherung. Eine geplünderte Kettenfiliale bedeutet Verkäuferinnen und Verkäufer, die sich vor der nächsten Schicht fürchten, geschlossene Läden und Kosten, die am Ende in den Preisen für alle Verbraucher landen. Keines dieser Unternehmen entscheidet über Klassengrößen oder den Zustand von Schulgebäuden. Sie tragen eine der höchsten Steuer- und Abgabenlasten Europas, mit der genau die Schulen finanziert werden, für die angeblich auf die Straße gegangen wird. Der Schaden ist deshalb doppelt: Erst finanziert ein Unternehmen das System mit seinen Steuern, dann bezahlt es das Versagen dieses Systems mit eingeschlagenen Scheiben. Wenn der Aufruhr eine Botschaft hat, dann gehört sie an die Entscheidungsträger adressiert, nicht an die Geschäfte.
Dahinter steht eine Struktur, die den Frust erklärt, die Gewalt aber nicht rechtfertigt. Laut dem französischen Statistikamt INSEE lagen die Staatsausgaben im vergangenen Jahr bei rund 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das gesamtstaatliche Defizit bei rund 5 Prozent und die Verschuldung bei rund 116 Prozent. Im öffentlichen Sektor arbeiten rund 5,9 Millionen Menschen, etwa ein Fünftel aller Erwerbstätigen. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit auf rund 8 Prozent gestiegen, den höchsten Stand seit Jahren, und unter den 15- bis 24-Jährigen sind rund 21 Prozent ohne Arbeit. Frankreich fehlt es also weder an öffentlichem Geld noch an öffentlich Beschäftigten. Es fehlt an Effizienz: Das Geld bleibt in den Verwaltungsstrukturen hängen und kommt weder im Klassenzimmer der Vorstadt noch beim ersten Job eines jungen Menschen an. Die Minderheitsregierung von Premierminister Sébastien Lecornu hat rund 3.000 Vertretungslehrkräfte zugesagt, eine richtige Geste, die an der Struktur aber nichts ändert, und die Präsidentschaftswahl im April 2027 erschwert große Reformen ausgerechnet dann, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.
Auf Frankreich kommt ein noch härterer Umbruch zu. Wenn das Land künstliche Intelligenz konsequenter nutzt und die Büroarbeit im öffentlichen Sektor zurückfährt, dürfte die Arbeitslosigkeit zunächst steigen, bevor sie sinkt. Formulare bearbeiten, Berichte erstellen und Routineentscheidungen vorbereiten – genau diese Arbeit erledigt KI schneller und günstiger. Das sollte man nicht mit schönen Worten umschiffen. Zugleich ist es eine Chance, die Frankreich seit Jahrzehnten nicht zu nutzen vermochte: Wird der Papierkram der Verwaltung automatisiert, werden Geld und Menschen frei für die Aufgaben, bei denen keine Maschine jemanden ersetzt. Frankreich könnte mehr Lehrkräfte einstellen, die Klassen verkleinern und in die Berufsausbildung investieren, ohne dass die Schulden weiter wachsen. Ressourcen aus der Verwaltung ins Klassenzimmer zu verlagern ist genau die Reform, die an den Schulen gefordert wird, doch sie entsteht nicht auf Barrikaden, sondern durch Entscheidungen.
Dieselbe Technologie ist auch ein Werkzeug für Unternehmen. Der KI-Boom ist kein Spiel, das nur Konzernen vorbehalten ist: Ein KI-Assistent übernimmt im Ein-Personen-Unternehmen Kundenservice, vorbereitende Buchhaltung und Marketing zu einem Preis, für den man vor wenigen Jahren noch jemanden hätte einstellen müssen. Für das übrige Europa sind die Unruhen in Frankreich eine Warnung. Eine stabile, berechenbare EU mit soliden Staatsfinanzen ist der beste Schutz für Unternehmen, denn Investitionen und Kunden gehen dorthin, wo die nächste Woche so aussieht wie diese. Gerade kleinere Unternehmen sollten jetzt drei Dinge tun. Erstens das Geschäft so schlank halten, dass ein Kurswechsel möglich ist, wenn sich der Markt oder die Sicherheitslage ändert. Zweitens KI so einführen, dass Vertrauen und Tempo in dieselbe Richtung laufen. Und drittens für Störungen vorsorgen: mit einem Liquiditätspolster, Onlinehandel und einem Geschäftsmodell, das ein paar geschlossene Abende ohne Insolvenz übersteht. Ob in der Nachbarstraße Autos brennen, kann ein Unternehmer nicht beeinflussen. Ob sein Betrieb das aushält, sehr wohl.

Eine Schule anzuzünden repariert kein einziges Klassenzimmer, sondern nimmt genau jenen Jugendlichen den Unterricht, in deren Namen auf der Straße randaliert wird.
Erst finanziert ein Unternehmen das System mit seinen Steuern, dann bezahlt es das Versagen dieses Systems mit eingeschlagenen Scheiben.
Ressourcen aus der Verwaltung ins Klassenzimmer zu verlagern ist genau die Reform, die an den Schulen gefordert wird, doch sie entsteht nicht auf Barrikaden, sondern durch Entscheidungen.
Quellen
- Euronews – Lagebild zu den Schülerprotesten in Frankreich (11.10.2026)
- INSEE – Französisches Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien — Staatsausgaben, Defizit, Verschuldung, Beschäftigung im öffentlichen Sektor und Arbeitslosenzahlen
- Students face riot police as protests over school conditions escalate in France • FRANCE 24
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